Blockchain-Tools helfen Unternehmen bei der Digitalisierung

Wie helfen Blockchain-Tools Unternehmen bei der Digitalisierung? HTW Professorin, Dr.-Ing. Katarina Adam und CEO der Seedlab GmbH, Regine Haschka-Helmer beantworten diese Frage ausführlich und erzählen von ihren Visionen für den Blockchain-Standort Berlin.

Hallo Frau Haschka-Helmer und Frau Dr. Adam! Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen unsere Fragen zu beantworten. Könnten Sie sich als erstes vorstellen und in ein paar Sätzen Ihren Bezug zur Blockchain-Technologie beschreiben?

Regine Haschka-Helmer: Mein Name ist Regine Haschka-Helmer, ich bin Gründerin von Seedlab mit Sitz in Berlin (gegründet 2010), einem Consulting Unternehmen für digitale Innovationsentwicklung und bin ehemalige Vorstandsvorsitzende der I-D Media AG, einer der ersten Digitalagenturen in Europa, deren erfolgreichen Börsengang ich im Jahr 1999 als Vorstand begleitete. Mein Interesse galt schon immer digitalen Innovations-Technologien, wie man sie am besten anwenden kann und welchen Nutzen und Mehrwert sie für unser Leben bringen können. Seit 2015 beschäftige ich mich mit sowohl Blockchain Technologien und wie man sie sinnvoll einsetzen kann als auch mit dem Aufbau von neuen Geschäftsmodellen. Seit 2017 bin ich bei der IOTA Foundation (DLT Technologie) im Advisory Board und arbeite mit IOTA an strategischen Aufgaben, um IOTA am Markt zu positionieren.

Prof. Dr.-Ing. Adam: Ich bin Professorin im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen an der HTW Berlin und unterrichte Investition & Finanzierung, Controlling, ABWL sowie in Projektgruppen Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain-Technology.  Zusätzlich bin ich Gründerin des Startup SIMMST, das für die Immobilienwirtschaft Blockchain-basierte Digitalsierungstools anbieten möchte. Darüber hinaus bin ich als Vortragende zum Thema Blockchain-Technology weltweit im Einsatz und mein Forschungsschwerpunkt zu dem Thema liegt auf Real Estate, Finance und Supply Chain.

Weiterhin bin ich Mitglied im Vorstand Bundesverband Blockchain und als Beirat in der Initative der Bundesregierung DigiHub tätig. Mein erstes Fachbuch „Blockchain-Technologie für Unternehmensprozesse“ wird Ende Mai, Anfang Juni auf dem Markt erscheinen.

Welche Blockchain-Tools gibt es zurzeit und wie können diese für Unternehmensprozesse hinsichtlich der Digitalisierung angewendet werden?

Regine Haschka-Helmer: Es gibt sehr viele verschiedene Blockchain-Protokolle und Tools. Ich versuche das nun zu verallgemeinern. Die Blockchain Technologie, die „Distributed Ledger“, sind dezentral aufgebaute Konten und dienen vor allem dazu, Datentransaktionen unabhängig von Dritten zu ermöglichen und zu verifizieren. Bisher wurden Transaktionen meist nur von einer Instanz verwaltet, wie z.B. Banken oder Plattformbetreiber, die alle Transaktionen gespeichert haben. Durch die Verteilung von gleichrangigen Kopien der Konten auf beliebig verschiedenen Parteien, braucht man die zentrale Stelle nicht mehr.

Unternehmen können die DLT-Technologie für viele verschiedene Anwendungsszenarien verwenden, auch je nach Industriebereich.  Die Bekanntesten sind: Vereinfachung und Transparenz in Supply Chain Prozessen, Sicherstellung und Dokumentation der Herkunft der Daten, Nutzung der digitalen Währungen (Token) für Wertetransaktionen, Ermöglichung von „Autonomen Agenten“ (Maschinen, die selbstständig Transaktionen tätigen können), Track & Trace in der Produktion, Digital Identity Lösungen für Mensch und Maschinen. IOTA bietet z.B. auch die Möglichkeit von Micropayments ohne Transaktionsgebühren und den Aufbau von dezentralen Marktplätzen bei denen Maschinen oder Sensoren direkt ihre Daten verkaufen können. Diese Micropayments, welche ein Bruchteil eines Cents sind, ermöglichen eine Sensoren-wirtschaft in der z.B. willkürliche Daten wie der Zustand einer Straße, welcher durch einen Sensor in dem Auto erfasst wurde, verkauft werden können, egal wie gering die Summe ist. Ohne Transaktionsgebühren wäre der autonome Verkauf von Daten von jeglichen Sensoren unmöglich.

Grundsätzlich dient DLT zur Dezentralisierung von Datenströmen und Transaktionen und dadurch werden mehr Transparenz, Sicherheit, Autonomie und Vernetzung von Mensch und Maschinen ermöglicht.

Ein aktuelles Beispiel das für die Vorteile von dezentralen Lösungen spricht: Zuletzt gab es großen Protest von vielen Experten, als die offizielle „Corona App“ als zentrale Lösung gebaut werden sollte. Die Entscheidung wurde nun zu Gunsten einer dezentral aufgebauten App geändert. Das erhöht die Datensicherheit und beugt Missbrauch vor, da die Daten der Bürger nicht auf einem Server gesammelt werden, sondern auf den Smartphones verbleiben.

Frau Prof. Dr. Ing. Adam, was raten Sie jungen, als auch etablierten Unternehmen zur erfolgreichen Anwendung von Blockchain-Tools? Worauf sollten sie achten?

Prof. Dr.-Ing. Adam: Ganz wichtig ist aus meiner Sicht die sehr sorgfältige Analyse der Prozesse, die mittels einer Blockchain-Lösung verschlankt und effizienter gestaltet werden sollen. Fällt diese Analyse nicht sorgfältig aus, dann wird die Blockchain-Technologie auch nicht den erwünschten Mehrwert liefern können. Daher ist zunächst nicht von der Blockchain-Technologie aus zu denken, sondern vielmehr, wo das Problem innerhalb des Prozesses so störend ist, dass es behoben werden muss. Und ob diese Behebung tatsächlich nur über eine Blockchain- Lösung erfolgen kann, muss kritisch hinterfragt werden. Genügend Anwendungen und Effizienzsteigerungen sind auch ohne den Einsatz einer Blockchain zu realisieren . Jedoch dort, wo es um sensible Daten geht, auf die unterschiedliche Parteien mit unterschiedlichen Intentionen Zugriff haben und wo der Schutz dieser Daten an oberster Stelle steht, da ist der Einsatz einer Blockchain sehr empfehlenswert sein.

Welche Fehler kommen oft bei der Anwendung von Blockchain-Tools in Unternehmen vor? Wie können diese Fehler vermieden werden?

Regine Haschka-Helmer: Blockchain oder Distributed Ledger Technologien (DLT) bieten einige Vorteile gegenüber zentralen Lösungen. Jedoch gilt es dabei zu beachten, dass die Distributed Ledger Technologien noch sehr junge Technologien sind, die für viele Anwendungen noch in der Erprobung sind. Unternehmen sollten vorab genau definieren, für welche Art der Anwendung sie DLT nutzen wollen und welche Erwartungen sie dabei an die jeweilige Technologie stellen, da es ja nicht nur eine „Blockchain“ Lösung gibt. Zum Beispiel ist eine Blockchain nicht für den Einsatz im IoT Bereich geeignet. Wenn nun bestimmte Tools eingesetzt werden und die Anforderungen nicht erfüllt werden können, wird es zwangsläufig zu Enttäuschungen kommen und die Distributed Ledger Technologie wird grundsätzlich in Frage gestellt. Ein Fehler in der Implementierung der Tools ist somit nicht das Tool selbst sondern für welche Probleme es benutzt wird. Für Unternehmen ist es deswegen nicht immer einfach, hier den Überblick zu behalten. Aber ich kann Unternehmen sehr empfehlen zuerst den Anwendungsfall zu definieren und dann zu schauen, welche Technologie sich dafür am besten eignet.

Sind Sie der Meinung, dass Studierende einen tieferen Einblick in Blockchain-Technologien bekommen sollten? Wenn ja, wieso ist das wichtig?

Regine Haschka-Helmer: Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass innovative Technologien einen weitaus höheren Stellenwert in unserem Bildungssystem haben sollten. Digitale Technologien sind unsere Zukunft und wir in Deutschland haben an der einen oder anderen Stelle hier noch Nachholbedarf. Die DLT Technologie ist eine vielversprechende Technologie, die aber einen vollkommen anderen Ansatz verfolgt, als die zentralen Systeme, die wir bisher kennen. Hier gilt es ein grundsätzliches Verständnis zu vermitteln, damit diese Technologie weiterentwickelt und angewendet wird, auch im Zusammenspiel mit anderen bahnbrechenden Technologien wie z.B. die künstliche Intelligenz.

Frau Prof. Dr. Ing. Adam, wie kommt das Thema Blockchain an Hochschulen an und wie wird es von den Studierenden aufgenommen?

Prof. Dr.-Ing. Adam: Das Thema Blockchain-Technologie ist auf jeden Fall bei den Hochschulen angekommen. In welcher Tiefe und Bandbreite es jedoch gelehrt wird, ist sehr unterschiedlich. Es gibt Stimmen, die die Blockchain-Technologie lediglich als Nischentechnologie wahrnehmen und dieser Technologie nur eine mäßige Zukunft vorhersagen. Und dann gibt es die Enthusiasten so wie ich es bin, die überzeugt sind, dass diese Technologie in unseren Alltag einziehen wird.

Die Diskussionen werden aktuell in allen Bereichen geführt und das interdisziplinäre Potenzial wird durch diese Technologie noch einmal besonders hervorgehoben. Somit können an den Hochschulen unterschiedliche Disziplinen diese Technologie in Hinblick auf die Technik an sich und die Einsatzmöglichkeiten in vielfältiger Form erforschen.

Ich kann zu den Studierenden nur sagen, was mir in der Zusammenarbeit mit meinen Studenten widerfährt: Ich bin jedes Semester aufs Neue höchst erfreut, mit welchem Einsatz und mit welcher Begeisterung die Studierenden an den Use Cases arbeiten. Die Studierenden entwickeln sehr interessante Lösungsansätze, die daher auch außerhalb des Campus Aufmerksamkeit finden.

Wie erleben Sie Berlin als Standort für Blockchain? Haben Sie für den Standort eine bestimmte Vision?

Regine Haschka-Helmer: In Berlin sind viele Blockchain/DLT Unternehmen ansässig und es hat sich hier bereits ein Cluster gebildet, dass uns als Standort viele Vorteile bringt. Dadurch ziehen wir auch mehr Talente und Ressourcen im Bereich DLT an und so kommen auch mehr Investoren und Geld in die Stadt. Diesen Vorsprung sollten wir konsequent weiter ausbauen und uns in Europa oder auch darüber hinaus als einer der DLT Standorte etablieren. Das kann durch stärkere Förderungen von Startups passieren, aber auch durch die weitere Vernetzung zwischen Industrie, Startups und Universitäten.

Wie sieht die Zukunft der Blockchain-Technologie für den Standort Berlin aus?

Prof. Dr.-Ing. Adam: Das ist der Blick in die berühmte Glaskugel, den keiner von uns so richtig vorhersagen kann. Sichtbar ist, dass auch die Corona Krise junge Startups in der Blockchain-Welt beeinflusst. Ebenso wie in der traditionellen Geschäftswelt wird auch das ein oder andere Startup diese Krise nicht überstehen. Zugleich aber sehe ich eine Vielzahl von visionären Unternehmen und Engagierten aus verschiedensten Bereichen (Politik, Hochschule und Bildungswesen, Wirtschaft etc.). Berlin als Stadt zieht Talente aus dem In-und Ausland an. Die Hochschullandschaft dieser Stadt bildet fast 200.000 Studierende aus – das ist ein Pool, aus dem sich Unternehmen die geeigneten Fachkräfte aussuchen können. Und auch die Hochschulen unterstützen Gründer*innen und den Gründungsgeist mit unterschiedlichsten Programmen wie z.B. das EXIST-Programm. Berlin kann zusätzlich auf viel privatwirtschaftliches Engagement zurückgreifen: Unternehmen und Gründer*innen-Netzwerke Startup-Zentren und Begegnungsplätze aufgebaut. Alles in allem sind das gute Voraussetzungen, um attraktiv auch für die „Blockchainer*innen“ dieser Welt zu sein.

Um eines möchte ich aber dennoch bitten: Wir haben schon sehr viel Wissen über den möglichen Einsatz dieser Technologie erarbeitet. Gerade Zeiten wie diese zeigen, dass wir uns noch stärker der Transformation zur Digitalisierung zuwenden müssen. Wie schön wäre es, wenn der Berliner Senat als Vorreiter die Berührungsängste abbaut und die vielen in der Stadt lebenden hochklassigen Experten einbindet, den Schritt aus den modellhaften Annahmen in echten Projekten umzusetzen. Immer wieder hört man, dass die diversen Business-Ideen interessant sind, aber…

Man bleibt im Konjunktiv. Ich würde mich freuen, wenn Berlin als Vorreiter sich traut, wenigstens ins Indikativ zu wechseln, noch schöner wäre natürlich der Imperativ: Wir machen!! Als Beispiel möchte ich den Hackerthon #wirvsvirus anführen: angenommen wurde eine Teilnehmerschaft von bis zu 500 Personen. Am Ende gab es über 40.000 Anmeldungen und es nahmen mehr als 28.000 Entwickler*innen teil!!! Es geht also.

Zusammengefasst kann ich sagen, dass die Technologie stabil ist und die Einsatzmöglichkeiten samt guten Prozessanalysen durch die Experten hervorragend erklärt werden können. Lassen Sie uns zum gegenseitigen Nutzen dieses auch einsetzen und anfangen.