Berlin – Weltstadt mit Innovationscharakter

KI und Roboter sind inzwischen sehr medial geprägte Begriffe. Doch was steckt dahinter? Wir sprachen darüber mit Prof.Dr.-Ing. Jens Lambrecht von Gestalt Robotics, einem der Gewinner des letzten Deep Tech Awards.

Hallo Herr Lambrecht, vielen Dank für das Interview! Könnten Sie zunächst sich und Ihr Unternehmen Gestalt Robotics einmal vorstellen?

Die Gestalt Robotics ist ein im Jahr 2016 in Berlin gegründeter Entwicklungsdienstleister an der Schnittstelle von klassischer industrieller Automatisierungstechnik und künstlicher Intelligenz. Wir unterstützen ein stetig wachsendes Portfolio aus namhaften Kunden in verschiedenen Industriezweigen durch die Entwicklung von flexiblen und human-zentrierten Automatisierungslösungen. Unsere Geschäftsfelder liegen in KI-gestützter Bildverarbeitung, stationärer und mobiler Robotik sowie adaptiven Assistenzsystemen.  

Meine Mitgründer sind Dr. Eugen Funk und Thomas Staufenbiel. Wir kennen uns schon seit langer Zeit und haben vor gut drei Jahren beschlossen, unsere Erfahrung und Expertise in den Automatisierungsbereichen Robotik und Bildverarbeitung sowie im Engineering und Projektmanagement zu bündeln. Aus unseren ersten Softwareentwicklungsprojekten zu dritt ist mittlerweile ein Team von knapp 25 Kollegen geworden, das an hoch-innovativen Themen arbeitet: von komplexen Automatisierungskonzepten bis hin zu intelligenten Softwarefunktionen oder kompletten Automatisierungslösungen. Ich selbst bin mittlerweile seit knapp 15 Jahre in der Automatisierungstechnik unterwegs, habe im In- und Ausland gearbeitet und seit 2018 bin ich neben meiner Tätigkeit bei Gestalt Robotics Juniorprofessor an der Technischen Universität Berlin. Der entsprechende Spagat zwischen Unternehmertum und Wissenschaft reizt mich sehr und diesen möchte ich persönlich nicht missen

Gestalt Robotics fokussiert sich auf industrielle Automatisierung. Wie genau funktioniert Ihre Künstliche Intelligenz?

Es gibt nicht die „eine“ Künstliche Intelligenz, mit der wir uns beschäftigen. Allgemein ist KI ein abstrakter Begriff, der in unserer Gesellschaft sehr stark medial geprägt ist. Wir bemühen uns, stets Aufklärungsarbeit zu leisten und veranstalten bspw. auch Industrieworkshops für Führungskräfte, um den Begriff KI zu „de-mystifizieren“ und mit konkreten Inhalten zu füllen. Konkret ist KI ein Sammelbegriff für unterschiedlichste Methoden, von denen vor allem Machine-Learning-Methoden, d.h. Algorithmen, die auf Basis von Daten lernen und Wissen verallgemeinern können, in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht haben und u.a. dazu beitragen, dass Maschinen natürliche Sprache oder visuell ihre Umgebung  verstehen können.  

Gestalt Robotics fokussiert sich darauf, mit Methoden des Maschinellen Lernens unter der Berücksichtigung industrieller Anforderungen konkrete Mehrwerte für industrielle Kunden im Spannungsfeld von Zeit, Qualität und Kosten zu schaffen. Praktisch gibt es beim industriellen Einsatz dieser Methoden in der Industrie aber durchaus Hemmnisse: So passt bspw. der hohe Datenbedarf oft nicht zur industriellen Realität, da die Datenaufnahme oft nicht-wirtschaftlich oder schlicht nicht möglich ist.  

An dieser Stelle setzen wir mit einer eigens entwickelten Technologie an, die es ermöglicht, KI-Funktionen für industrielle Anwendungen dateneffizient und schnell in die Praxis zu bringen. Für diese spezielle Technologie mit dem Namen „EPIC“ haben wir im letzten Jahr den Deep Tech Award gewonnen. Aktuell ist diese Technologie in zahlreichen Kundenprojekten erfolgreich erprobt und wird demnächst als eigenständiges Produkt angeboten, um einen breiteren Anwender- und Kundenkreis zu erschließen. 

Wie sehen Sie die Lage bezüglich der Entwicklungen im Bereich Künstliche Intelligenz in Berlin?

Berlin ist ein entscheidender Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort mitten im Herzen Europas, mit exzellenten Universitäten und KI-Forschung sowie einer Innovationskraft, die mittlerweile auch den Bereich KI umfasst.  Speziell im Bereich autonome Mobilität und Robotik entwickelt sich Berlin immer mehr zu dem Zentrum in Deutschland. Als ich vor 10 Jahren in die Stadt zog, sah die Lage noch anders aus: Damals rechnete ich fest damit, nach meiner Promotion in der Robotik auf der Suche nach einem entsprechenden Arbeitsplatz, Berlin verlassen zu müssen. Heute ist das komplett anders: Berlin entwickelt sich aktuell zu einem großen KI- und Robotikstandort mit aktivem Ökosystem und ich bin sehr stolz darauf, diesen mitgestalten zu können. Die Gestalt Robotics versucht dies auch aktiv zu unterstützen, bspw. mit Meetups oder unserer Podcast-Serie „Berlin Robotics“. 

Sie waren im letzten Jahr einer der Gewinner des Deep Tech Awards. Welche Entwicklungen gab es seitdem in Ihrem Unternehmen?

Der Deep Tech Award für die EPIC-Technologie hat uns zunächst einmal sehr gefreut und uns darin bestärkt, konsequent mithilfe von interner Forschung & Entwicklung an innovativen Lösungen zu arbeiten, die grundlegende Probleme unserer Kunden lösen. Dass wir hier technisch klar auf dem richtigen Weg sind, zeigte auch die weitere Auszeichnung als „Innovation des Jahres“ durch das Fachmagazin InVision. Wir haben durch die dateneffiziente Anwendung der KI aktuell einen klaren Vorteil im Vergleich zu alternativen Methoden und arbeiten wie schon angedeutet an der Produktisierung. 

Unterdessen haben wir, um dem wachsenden Platzbedarf durch Vergrößerung des Teams und Aufbau einer Labor-, Test- und Demonstrationsfläche, im Oktober letzten Jahres unser mittlerweile drittes Büro an der Schlesischen Straße bezogen. Aktuell bestehen weitere Pläne zur überregionalen Aufstellung der Gestalt Robotics sowie zur Initiierung von langfristigen Partnerschaften mit größeren ausländischen Unternehmen. Zudem sind wir am Innovationsprojekt „Werner-von-Siemens Centre for Industry and Science“ im Rahmen von Siemensstadt 2.0 beteiligt und freuen uns hier auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Siemens AG und vielen Berliner KMUs. 

Wie erleben Sie die Deep Tech Landschaft Berlins? Welche Vorteile birgt der Standort?

Ich sehe Berlin nicht nur in der Politik, sondern auch im Bereich der Innovation als Pulsgeber für technische Entwicklungen. Nahezu jede große Firma aus dem technischen Bereich schaut auf die Technologie- und Startupszene in Berlin oder ist hier bereits über eine reine Repräsentanz hinaus aktiv.  

Und auch wenn sich die Wirtschaftsregion um Berlin herum stark von weiten Teilen des südlichen Deutschlands unterscheidet, ist Berlin Weltstadt mit einem Innovationscharakter, den man im Rest Deutschlands vergeblich sucht. Dazu kommt ein Zuzug bestens ausgebildeter internationaler Spezialist*innen sowie gut ausgebildete Fachkräfte aus den Berliner Universitäten und Fachhochschulen. Weiterführend weiß Berlin junge Fachkräfte auch aufgrund der einmaligen Atmosphäre in der Stadt über die Ausbildung hinaus zu binden. Die Aktivitäten der Berliner Universitäten und Fachhochschulen zur Unterstützung junger Gründer*innen sind so vielfältig wie einmalig. Auch die lokale Wirtschafts- und Technologieförderung ermöglicht beste Voraussetzungen für international konkurrenzfähige Innovationen im Deep-Tech-Bereich. 

Haben Sie Erfahrungen und Tipps, die Sie den diesjährigen Bewerber*innen für den Deep Tech Award mitgeben können?

Der allgemeine Tipp, den ich geben möchte: KI an sich ist kein Mehrwert und ich rate stark davon ab, den Begriff zu inflationär zu gebrauchen. Technologie kann der Schlüssel dazu sein, ökonomische, ökologische oder soziale Probleme zu lösen und darauf aufbauend tolle Produkte zu entwickeln. Technologie sollte in diesem Sinne nicht Selbstzweck oder Gegenstand kurzfristiger finanzieller Spekulationen sein, vielmehr geht es darum nachhaltige Werte auf einer soliden Basis zu schaffen.   

Zu guter Letzt ein Blick in die Zukunft: Welche Entwicklungen und neuen Technologien wünschen Sie sich für die Deep Tech Szene Berlins innerhalb der nächsten zehn Jahre?

Zehn Jahre sind im Bereich der Technologieentwicklung eine lange Zeit. Gleichzeitig leben wir in unbeständigen Zeiten, in denen Berlin oft bewiesen hat, dass es sich neu erfinden kann. Diese Agilität und Kreativität ist ein wichtiger Faktor für Innovation im Technologiebereich. Ich wünsche mir speziell für Berlin, dass die positiven Entwicklungen der letzten Jahre anhalten und nachhaltig ausgebaut werden. Wir brauchen mehr zielgerichteten Austausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Bildung und müssen gezielt lokale Ökosysteme stärken sowie internationale Fachkräfte anziehen und halten. Nur wenn hier alle Räder ineinander greifen, haben wir einen klaren Standortvorteil für die zukünftige globale Deep-Tech-Metropole Berlin.